22. Juli 2024

Erfahrungsbericht: Gelebte Inklusion in den Jugendverbänden des Landkreises Mayen-Koblenz

(Stand: 26.06.2024)

Mit diesem Erfahrungsbericht möchte der Kreisjugendring Mayen-Koblenz (KJR MYK) einen Beitrag zum Thema Inklusion in der Kinder- und Jugend(verbands)arbeit leisten. Quelle hierfür sind die Erfahrungen der Jugendverbände im Landkreis Mayen-Koblenz. Dabei ist spätestens seit der Inkraftsetzung des Kinder- und Jugendstärkungsgesetz (KJSG) am 10.06.2021 die Rede von einem gesetzlichen Auftrag.

Eine Diskussion aus einem Netzwerktreffen „Jugendarbeit im Landkreis MYK“, das im November 2022 stattfand, wurde zum Impuls, die Mitgliedsverbände des Kreisjugendringes Mayen-Koblenz zu fragen:

  • Welche Rolle Inklusion in ihrer Arbeit spielt?
  • Welche Erfahrungen sie machen?
  • Auf welche Barrieren sie stoßen?
  • Welche Bedarfe sie sehen
  • und inwieweit Inklusion in ihrer Arbeit verankert ist?

Inklusion versteht der Kreisjugendring MYK, als umfassendes Recht auf Teilhabe in Bezugnahme auf die UN-Behindertenrechtskonvention. Dies geht über die Integration Ausgegrenzter hinaus und möchte allen Menschen von vornherein die Teilnahme an allen gesellschaftlichen Aktivitäten auf allen Ebenen und in vollem Umfang ermöglichen. Dabei setzen wir uns für die Teilhabe aller Menschen ein, unabhängig ihrer sexuellen Orientierung, ihrer Bildung, ihrer Herkunft, einer geistigen und/oder körperlichen Beeinträchtigung und einer psychischen Erkrankung.

Mit diesem Erfahrungsbericht möchte die Referentin Rebekka Smuda des KJR MYK einen Einblick in die 20 Rückmeldungen geben, die sie in persönlichen Treffen, Telefonaten und E-Mails erhielt. Es sind 20 sehr verschiedene Berichte. Aber anders kann es nicht sein, denn einerseits sind Jugendverbände vielfältig, andererseits sind es auch die Bedingungen vor Ort: Eine Jugendfeuerwehr sieht sich mit anderen Aufgaben konfrontiert als Pfadfinder*innen oder Ehrenamtliche einer Kirchgemeinde, die eine Sommerfreizeit organisieren.

Gelebte Inklusion durch die Zugehörigkeit zu einer festen Gruppe (Mitgliedschaft)

Gleichwohl teilen alle Gesprächspartner*innen ein bestimmtes Merkmal: Sie sind Mitglieder von Jugendverbänden. Sie treffen sich regelmäßig, kennen sich, sind in vielen Fällen befreundet, sind vernetzt und haben ähnliche Interessen und Vorstellungen. Aus dieser Situation heraus kann jede Gruppe ein individuelles Angebot gestalten, in dem alle Menschen ihren Platz finden. Das bedeutet nicht zwangsweise, dass alle immer alles gemeinsam machen. Es kann durchaus Veranstaltungen geben, bei denen nur ein Teil der Gruppe teilnimmt, was durchaus auch an unterschiedlich gelagerten Interessen und Begabungen liegen kann. Doch ist wichtig, dass alle Mitglieder Angebote haben, an denen sie teilnehmen können.

In der Mitgliederstruktur der Jugendverbände liegt wiederum auch eine Barriere für Inklusion. Zur Barriere wird, dass Menschen mit dem Bedarf an inklusiven Veranstaltungen nicht ohne Weiteres Berührungspunkte mit Jugendverbänden haben und somit weder die Angebote kennen noch zu Mitgliedern werden (können). Es fehlt mancherorts an Vernetzung und Werbung. Viele Jugendverbandler*innen melden zurück, dass sie offen für Inklusion sind, jedoch erleben, dass es anscheinend keinen Bedarf gibt und/oder sie nicht wissen, wie sie Menschen mit Bedarf erreichen können. Gleichzeitig wird im Gespräch mit Eltern von Kindern mit Behinderungen (seelisch, körperlich, geistig) deutlich, dass sie für und/oder mit ihren Kindern Angebote und Anschluss suchen. In ihrer Freizeit wollen Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderung tanzen, singen, spielen und sich ausprobieren.

Gelebte Inklusion durch Austausch auf Augenhöhe und Partizipation

Doch wo ist das möglich (?), ist die große Frage. Es ist nicht immer klar, ob eine Teilnahme von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung möglich ist und bringt die Anbieter*innen und die Eltern in die Situation, sich erkundigen und ihre Kinder „beschreiben“ zu müssen sowie sich und ihre Verhältnisse offenzulegen. Dieses Erkundigen bringt Eltern in eine Situation, die sie nicht immer auf sich nehmen wollen, je nachdem, welche (Vor-)Erfahrungen sie gemacht haben. Es kann dazu kommen, abgelehnt zu werden. Zudem führen solche Bedingungen der Intransparenz dazu, dass Eltern zurückhaltend auftreten. Die Betrachtung der beiden Perspektiven macht sichtbar, dass es Bedarf gibt, auch wenn er nicht unbedingt als solcher bei Jugendverbänden ankommt. Es ist wichtig ins Gespräch zu kommen, bewusst aufeinander zuzugehen und gegebenenfalls als Jugendverband den ersten Schritt zu tun. Das könnte bedeuten Angebote direkt inklusiv auszuschreiben, dabei auf einfache Sprache zu achten und sich zu vernetzen (bspw. mit inklusiven Einrichtungen).

Sichtbar wird, dass inklusiv zu sein bedeutet, sich einzubringen, sich auseinanderzusetzen, und zwar miteinander und mit sich selbst. Dass dabei Gefühle mitschwingen, kann als Herausforderung wahrgenommen werden. Vor allem über Ängste wird oft gesprochen. Seien es Berührungsängste, die Angst vor Überforderung oder die Angst davor eingeschränkt zu werden. Es ist wichtig, die emotionale Betroffenheit aller im Blick zu haben. Da es als Herausforderung wahrgenommen werden kann, Gefühle zu thematisieren, kann es sehr bedeutsam sein, sich der Gefühle anzunehmen, damit sie nicht zu einer Barriere werden. In der Auseinandersetzung damit verbirgt sich eine Chance, denn aus den Rückmeldungen der Jugendverbände geht hervor, dass sich Ängste in der Praxis auflösen und zu einem Wachstum führen: für die Gruppe und für die einzelnen Menschen.

Wichtig ist außerdem im Gespräch zu sein, mit dem betroffenen Kind oder Jugendlichen, den Eltern oder anderen Bezugspersonen. Sie sind die Expert*innen ihrer Lebenswelt und wissen am Besten, was für sie wichtig ist. Die Frage, was das Kind/der*die Jugendliche braucht, kann ein Schlüssel dafür sein, dass ein inklusives Miteinander gelingt. Anstatt zu bevormunden oder hinterherzutragen, kommt es zu einer Begegnung auf Augenhöhe. Dies gelingt indem z.B. nicht für einen Menschen etwas überlegt oder getan wird, sondern miteinander überlegt, abgewogen und gehandelt wird. Gemeinsam gestalten alle so ein inklusives Miteinander.

In den geführten Gesprächen mit den Jugendverbandler*innen als Anbieter*innen von Maßnahmen wiederholen sich einige Aussagen. Beispielsweise wurde oft angeführt, dass es die Haltung und die Offenheit ist, die Inklusion ermöglicht. Es geht nicht zwingend darum, im ersten Schritt Räumlichkeiten umzubauen, sondern darum, kreative Lösungen zu entwickeln, damit alle mitmachen können. Dies gelingt vor allem an Orten, wo Partizipation im Alltag gelebt wird. Denn wenn alle Kinder und Jugendliche die Planung des Programms mitgestalten, gelingt es aus dem Prozess heraus, die Bedürfnisse aller zu berücksichtigen. Gemeinsam wird z.B. überlegt, welches Spiel allen Spaß macht und wie alle Interessierten bei einem Ausflug teilnehmen können (beispielsweise mit der Entscheidung gegen den Kletterwald und für ein Schwimmbad).

Was zeigt der Austausch?

Die Gespräche zeigen, dass Inklusion gelingen kann und dabei alle bereichert werden. Inklusion zu leben, bedeutet für alle einen Lernprozess. Ein Prozess, in dem die Menschen sich aufeinander einlassen, aneinander wachsen und es wichtig ist, sich dafür Zeit zu nehmen.

Nur weil eine Aktion inklusiv ausgeschrieben ist, bedeutet es nicht, dass sich von Beginn an Interessierte melden. Es braucht mitunter Ausdauer, Vernetzung und Beziehungsarbeit, damit Angebote auch wahrgenommen werden. Doch dafür braucht es Bedingungen, die dies ermöglichen. Wichtig ist, darauf zu achten, dass es nicht zu einer Überforderung kommt. Oftmals bedeutet dies, ausreichend Personal zur Verfügung zu haben. Menschen, die mit anpacken, mit aufpassen und mitdenken. Menschen, die für Austausch und Beratung offen sind. Alle verfügen über ein anderes Wissen, über andere Denkweise und Erfahrungen. Sich kollegial zu beraten hilft, abzuwägen und Lösungen zu finden, dass alle Menschen in der Gruppe ihren Platz haben.

Sichtbar wird dabei, dass Jugendverbände sowohl Expertise, aber auch Bedarf an Unterstützung haben, um inklusiv(er) zu sein. Es geht um möglichst große Barrierefreiheit und um Zugänge zu finanziellen Ressourcen sowie zu Informationen (z.B. Krankheitsbilder, Pflege, inklusive Spiele…). Eine konkrete Anlaufstelle, die informiert, vernetzt, personelle Assistenzen organisiert und über finanzielle Mittel verfügt, würde mehr Inklusion möglich machen.

Die Expertise speist sich aus den vielen Erfahrungen und der Haltung, dass ein partizipativer, westschätzender Umgang auf Augenhöhe selbstverständlich ist. Aus so einer Haltung heraus gelingt es, dass alle Menschen mit ihren individuellen Bedürfnissen das soziale Miteinander gestalten und für sich und andere Verantwortung übernehmen. Das bedeutet miteinander im Kontakt zu sein und abzuklären, wer was braucht.

Unser Fazit

Der Erfahrungsbericht zeigt, dass Inklusion für die Jugend(verbands-)arbeit MYK ein Thema ist. Menschen ist es ein Anliegen inklusiv das Miteinander zu gestalten. Die Umsetzung wirft aber auch Fragen auf. Hier möchten wir dem Ehrenamt den Rücken stärken, Mut machen und auf Arbeitskreise, Inklusionslots*innen und Personen verweisen, die gerne ihre Erfahrungen teilen und beraten. Betonen möchten wir im gleichen Zuge, dass es für eine flächendeckende Umsetzung von Inklusion in der Jugend(verbands-)arbeit weitere Anlaufstellen bedarf, die über personelle, informative und finanzielle Ressourcen verfügen.

Loslegen, aber wie?

Folgende Impulsfragen haben sich aus den Gesprächen ergeben und bieten eine Orientierung für die Gestaltung einer gelebten Inklusion in der Jugend(verbands-)arbeit. Es sind Anregungen, die bei der Klärung der Bedürfnisse und Rahmenbedingungen helfen können:

  • Wo können Menschen mit Behinderung jetzt schon an meinen Veranstaltungen teilnehmen?
  • Bei welchen Veranstaltungen besteht noch Entwicklungsbedarf?
  • Was können und wollen wir leisten?
  • Welche Rahmenbedingungen müssten sich bei einer konkreten Veranstaltung ändern, um sie inklusiv auszuschreiben:
    •  Arbeitszeitkapazitäten: Wie viel Zeit brauche ich zusätzlich? Wer kann mich unterstützen?
    • Ausstattung Tagungs- oder Freizeithaus: Können sich alle Anwesenden frei bewegen oder müssen bestimmte Gegebenheiten überprüft oder umgestaltet werden?
    • Ort für Aktionen oder Gruppenstunden: Können hier alle mitmachen oder kann ich etwas anders planen?
    • Personal: Sind genügend Betreuer*innen anwesend, sodass keine Überforderung entsteht?
    • Finanzen: Ergeben sich Extra-Ausgaben? Wo können diese finanziert werden?
    • Kultur: Fühlen sich hier alle Beteiligte abgeholt, kultursensibel angesprochen, kann ein Angebot verletzend oder irritierend empfunden werden und kann das, was wir tun, erklärt werden?
    • ……
  • Mit welchen Widerständen kann oder muss ich auf unterschiedlichen Ebenen rechnen und wie begegne ich diesen?
  • Welche Informationen und Qualifizierungsmaßnahmen/Fortbildungsmaßen brauche ich/brauchen wir?
  • Welche mögliche Unterstützung gibt es schon in meinem Nahraum und überregional?
  • Wo kann ich Zuschüsse oder finanzielle Mittel für mögliche höhere Kosten beantragen?
  • Wer käme für persönliche Assistenzen in Frage?
  • Wo kann ich, wenn nötig, professionelle Hilfe und Knowhow bekommen?
  • Wie erreiche ich eine mögliche Zielgruppe tatsächlich?
  • Wann fang ich damit an?

Um Antworten auf Eure Fragen zu entwickeln stehen Euch gerne folgende Menschen zur Seite:

  • Jugendleiter Immo Meyer (Evangelisches Gemeindezentrum Vallendar)
    https://www.vallendar-evangelisch.de/hauptamtliche.html
  • Arbeitskreis der DPSG: „Ich Du Wir“
    https://www.dpsg-trier.de/vom-fach/arbeitskreis-inklusion-ich-du-wir/
  • Sport-Inklusionslots*innen: www.inklusiver-sport-rlp.de
  • Inklusionsbeauftragte (Wir für Inklusion e.V.): Elke Steckenstein, Tel: 0176 – 21 79 96 90, Mail: elke.steckenstein@ekir.de
  • Outdoor-Inklusion (bergzeit): Felix Neuchl, Mail: Felix.Neuchl@Bergzeit.de

Um finanzielle Unterstützung zu erhalten, können Euch folgende Kontakte weiterhelfen:

Weitere inhaltliche Links:
Inklusion im Outdoorsport | Statistiken, Zahlen, Daten & Fakten (bergzeit.de)

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